Kritik "das Orchester - Februar

 

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Aus „das Orchester“ - Februar 2016


Welch interessanter, abwechslungsreicher Gang durch die Jahrhunderte,
den wir mit der vorliegenden Debüt-CD erleben dürfen! Der Flötist
Valerio Fasoli, Dozent an der Arts Academy im italienischen Narni, und Katharina Fasoli-von Harten, als Geigerin Solistin und Mitglied mehrerer Ensembles, haben vor vier Jahren ein Duo gegründet und gruben mittlerweile wahre Schätze für ihre Besetzung aus. Für alle hier gewählten Werke lässt sich eine ausgewogene, harmonische Spielweise und Interpretation bestätigen. Nichts ist hier unnötig gehetzt, alles darf atmen,
trotzdem bleibt alles frisch und akzentuiert.
Die Lebensfreude und Experimentierfreudigkeit des Barockkomponisten Joseph Bodin de Boismortier meint man hier (trotz Holzquerflöte, die ja schnell etwas schwerfälliger klingt als die metallene) plastisch nachempfinden zu können, so luftig und tänzerisch agieren Flöte und
Geige in ausgewogener stimmlicher Abwechslung. Das Klangspektrum ist so reich, dass man mitunter eine Piccoloflöte und eine Bratsche zu erkennen meint. Der Mut zu leeren Saiten der Violine in Kombination mit dem Flötenvibrato schafft schöne, dennoch intensive Klarheit (e-Moll-Sonate). In der dritten Sonata erfreuen perlende Verzierungen und weiche
Harmoniefundamente.
Das romantische Duo Concertant von Bernhard Molique fordert in Doppelgriffen und Mehrstimmigkeit, in Tempi und extremen Lagenwechseln, in seinen Wechseln bei Timbre und Ausdruck, in seinen parallelen Läufen ein an Paganini erinnerndes Höchstmaß an Virtuosität ab – gelungen! Beide Solisten beweisen sich eine sehr intelligente Gestaltungsfähigkeit und ein hohes technisches Niveau, das den einen oder anderen nicht ganz sauberen Akkord entschuldigt. (Selbst David Oistrach sagte bekanntlich, dass Oktaven nie ganz rein sein sollten, weil man sie sonst nicht hören könne.) Mitreißend, dicht und rhythmisch hervorragend, immer die Balance zwischen drängenden Wurfbögen und bremsenden Grundtönen wahrend, spielen Fasoli und Fasoli-van Harten das 1962 entstandene Divertissement von Harald Genzmer. Besonders interessant dürfte auf dieser CD die Weltersteinspielung der Variationen op. 107 von Jenő Takács sein, dem vor zehn Jahren verstorbenen österreichisch-ungarischen Komponisten. Mit der kecken (Zauber-)Flöte des Themas nach Giovanni Paisiello – ein Zeitgenosse Haydns – zaubert Fasoli dem Hörer ein Lächeln ins Gesicht, die spannungsvollen Echoeffekte (im furiosen Schluss-Fugato) lassen
den Atem anhalten. Unendlich zart und filigran, agogisch wunderbar gestaltet ist das Schubert gewidmete Andantino – der vielleicht schönste, da am innigsten empfundene, am meisten zu Herzen gehende Satz dieser Einspielung. Der etwas hallige Klang der Wendlinger Eusebiuskirche, in der die Werke 2014 aufgenommen wurden, schadet der Durchsichtigkeit
beider Instrumente nicht.


Carola Kessler